Donnerstag, 22. September 2016



Naturkundliche Notizen


Bemerkenswerte fotografische Naturbeobachtungen aus Weilmünster und dem Weiltale unter Einbeziehung außergewöhnlicher Registrierungen aus anderen Regionen Deutschlands (Rhein-Main-Gebiet  / Taunus / Lahntal / Wetterau)


Dipl. Biol. Peter Ulrich Zanger
CID Institut Weilmünster

Eine Publikation der Schriftenreihe Naturwissenschaften
des CID Verlag, Weilmünster














Ein Internet-Fotobuch des 

Reihe 



seit Januar 2015




Redaktion, Text und Fotografien: Dipl. Biol. Peter Zanger



Montag, 4. Juli 2016

"The PEARLS of PROCESS (PP)". Anmerkungen zum "Justizfisch" Trichiurus lepturus (Degenfisch, Haarschwanz, Hairtail, Sabre, Sable) aus der Barschartigen-Familie TRICHIURIDAE.

Dipl Biol. Peter Ulrich Zanger, CID Institut Weilmünster, 22. September 2016



Lesen Sie eine weiterführende, überarbeitete Version dieses Artikels als Risikostudie vom 3.10.2016





Wohl jeder hatte in seinem Leben irgendwann einmal eine Liebesprobe zu bestehen. Bei einer Liebesprobe werden die Probanden meist unsichtbaren Aufgaben gegenübergestellt oder unbekannten Gefahren ausgesetzt, die sie zu bewältigen haben. Übersteht der Geprüfte unbeschadet den Test, so gilt dies als Beweis für die Reinheit seiner Gefühle gegenüber der Angebeteten und das Paar darf sich weiterhin bedenkenlos Vertrauen schenken.


Je nach Kulturkreis werden die zu Prüfenden anders gearteten Gefahren ausgesetzt, je nach kulturellem Prüfungskonzept sind die dabei einzugehenden Risiken mehr oder weniger lebensgefährdend. Noch nicht allzu lange ist es her, das Verliebte auf dem Lande durch die Wälder streiften und beim Genuss von Tollkirschen und Einbeeren überprüften, wie es denn um die Gefühle des anderen bestellt sei. Nicht seltener werden Jünglinge ins Haus junger Damen eingeladen, durch den Garten geführt in welchem Bärlauch und Maiglöckchen, Petersilie und Schierling in stiller Eintracht nebeneinander herwachsen und müssen dann einen Maibowlen-Begrüßungstrunk oder einen von der Gastgeberin selbst zubereiteten, frischen Salat vor deren wachsamen Augen verzehren, ohne dass sie auch nur ein Tröpfchen davon trinken oder ein Blättchen davon anrühren würde. 

In anderen Ländern und in größerem Rahmen sind die Überraschungskuchen "PASTEL SORPRESA" bekannt. Dabei wird bei Feiern im Familienrahmen dem Neuankömmling ein Kuchen vorgesetzt in welchem ein, zwei oder mehrere, meist schwer zu zerbeissende Überraschungskerne eingebacken sind. Je nach Grundsituation und Fragestellung dient das Auffinden der Überraschungen und die vom Finder erlitttenen Folgen zur Klärung wichtiger, meist zuvor im Geheimen im Familienkreis gestellter Fragen. Diese schon komplexere mystisch-juristische Verfahrenstechnik bildet die Überleitung zur sogenannten Hexenprobe, bei welcher die untersuchte Frau gefesselt von einem "Ley"-Felsen in einen Fluss geworfen wurde. Tauchte sie wieder an der Oberfläche auf, war das der Beweis für ihre Hexenkraft.

Ähnlich wie eine Einladung zu einem PASTEL SORPESA kann der Besuch eines Fischrestaurantes verlaufen, in welchem man einen gebratenen SÄBELFISCH vorgesetzt bekommt.



Beissresistente Kapseln unbekannter Genese und Portions-Grätenstücke vom SÄBELFISCH (Trichiurus lepturus). 
Die Kapseln befanden sich eingebettet im Muskelfleisch von insgesamt 7 Portionsstücken des Fisches ohne erkennbare Verwachsung mit den Gräten.




Trichiurus lepturus - Portionsstücke wie sie im Fischfachhandel in manchen Geschäften tiefgefroren und unfiletiert zu finden sind. Die abgebildeten Fischstücke wurden vor Surinam gefangen, am 5.7.2016 portioniert, tiefgefroren und verpackt, am 13.9.2016 in Frankfurt am Main (Deutschland) gekauft und zwischen dem 14. und 18.9.2016 durch Anbraten zubereitet. 


In deutschen Gewässern, also in Nord- und Ostsee ist der Fisch unbekannt. Die nächsten Fanggründe liegen von der Bretagne südwärts und rund um die Iberische Halbinsel, so dass der Fisch vor Erfindung des Kühltransportes nur Reisenden nach Westfrankreich, Portugal und Spanien bekannt geworden sein kann. Ansonsten sind die auch SABLE, SABRE, DEGENFISCH, HAARSCHWANZ, HAIRTAIL, CUTLASSFISH oder mit anderen Synonymen benannten BARSCHARTIGEN (Perciformes) in allen wärmeren Gewässern weltweit verbreitet und werden, insbesondere nachdem über die jahrhundertelangen Bemühungen und Studien der europäischen West- und Ostindien-Kompanien bekannt wurde, dass sie in Ostasien beliebte und wertvolle Speisefische sind, auch tiefgefroren nach Europa bzw. nach Deutschland importiert.

Der SABLE ist ein Raubfisch und von ähnlicher Gestalt wie der weitaus bekanntere BARRACUDA aus der verwandten Familie der Sphyraenidae (Pfeilhechte), aber deutlich schlanker gebaut und mit weniger Körpermasse ausgestattet. Die Familie der HAARSCHWÄNZE (Trichiuridae), welcher die Art Trichiurus lepturus angehört, umfasst die Gattungen APHANOPUS (7 Arten), BENTHODESMUS (11 Arten), ASSURGER (1 Art), EUPLEUROGRAMMUS (2 Arten),   EVOXYMETOPON (4 Arten), LEPIDOPUS (6 Arten), DEMISSOLINEA (1 Art), LEPTURACANTHUS (3 Arten), TENTORICEPS (1 Art) und TRICHIURUS (11 Arten).   

Bevorzugter Lebensraum der Säbelfische ist der schlammige Grund niedriger Küstengewässer von wo aus die Fische bis in die Ästuar-Region (Brackwasserzone, Übergang von Süss- zu Salzwasser) vordringen. Dort jagen sie hauptsächlich nach Euphausiiden - kleinen, planktonischen Krebsen - und kleinen Fischen. Die adulten Tiere jagen tagsüber Oberflächennah und ziehen sich über Nacht auf den Meersgrund zurück. Die durchschnittliche Körperlänge beträgt ca. 100 Zentimeter bei einem Maximalwert von 234 cm, das Durchschnitts-Fanggewicht liegt bei 1,5-3,5 kg, das Maximalgewicht bei 5 kg.

Über Zucht, Haltung oder Vermehrung von Trichiurus lepturus in Aquakulturen zu kommerziellen oder wissenschaftlichen Zwecken sind im Internet keinerlei Literaturdaten verfügbar. Interessant wären technische Zucht- und Haltungserfahrungen zur Klärung der nachfolgend ausgeführten Frage der Genese von pathogenen Skelettwucherungen und deren hypothetischem Zusammenhang mit parasitären Einwirkungen oder gar Entwicklungsstadien von Fischparasiten unbekannter Natur.

Die Fischereidatenbank www.fishbase.com listet für Trichiurus lepturus 5 bekannte parasitische Infektionen. Nach dem World Register of Marine Species (WoRMS) ist dieselbe Fischart als Wirt von mindestens 20 verschiedenen Ekto- und Endoparasiten bekannt. 

Die Fishery & Aquaculture-Datenbank der FAO benennt desweiteren häufige, exzessive Wucherungen supraoccipitaler, interhaemaler und interneuraler Fisch-Knochen (sogenannte "Ossifikationen") bei Säbelfischen aus "INDISCHEN GEWÄSSERN". 
  
FC Lima, APM Souza, EFM Mesquita, GN Souza und VCJ Chinelli beschreiben für Trichiurus lepturus mit ihrer Publikation vom 21. Januar 2002 im Journal of Fish Diseases die Ergebnisse radiologischer Untersuchungen von "tumours" bzw. "Osteomas" genannten, abnormalen Knochenbildungen an 55 Fischen aus der Bucht von Niteroi. Zuvor waren bereits 1940 von Korschelt, 1960 von James, 1965 von Gaevskaya und Kovaleva und 1971 von Olsen ähnliche Knochenwucherungen an den Trichiuriden Lepidopus caudatus und Trichiurus lepturus untersucht und beschrieben worden. 

In der wohl neuesten wissenschaftlichen Publikation zum Thema der kapselförmigen Wucherungen an Trichiuriden-Fischgräten beschreiben und illustrieren die Wissenschaftler der Fakultät für Veterinärmedizin der Universität Messina (Sizilien), Filippo GIARRATANA, Anna RUOLO, Daniele MUSCOLINO, Fabio MARINO, Michele GALLO, und Antonio PANEBIANCO in der ACTA ICHTHYOLOGICA ET PISCATORIA (2012) 42 (3): 233–237 die merkwürdigen Knochenbildungen in ihrem Artikel :  OCCURRENCE OF HYPEROSTOTIC PTERYGIOPHORESIN THE SILVER SCABBARDFISH, LEPIDOPUS CAUDATUS(ACTINOPTERYGII: PERCIFORMES: TRICHIURIDAE). Dabei kommen sie zu der Schlussfolgerung, dass die Hyperosotosen an den Fischgräten für den Konsum der Fische durch Menschen unschädlich sind und höchstens zu Störungen beim Filetieren der Fische oder zu Schäden am Filetiermesser führen könnten. 

Fast könnte man meinen, sich nun beruhigt zurückneigen und mit geschlossenen Augen gedankenverloren die schmackhaften Fischfilets geniessen zu können, doch haben Doktor Giarratana und seine Kollegen übersehen, daß Trichiurus lepturus nicht notwendigerweise filetiert zubereitet wird und somit die steinharten "Hyperostotischen Pterygiophoren" vom Tranchiermesser unbemerkt und unberührt im Inneren der Fisch-Portionsstücke in die Bratpfanne gelangen könnten, so daß der Konsument diese dann zusammen mit der Beilage und versteckt in dieser als Leckerbissen in den Mund schiebt und zubeisst. Spätestens dann entstünde ein erstes Problem, nämlich das der Frage, ob die Zähne des Fischgeniessers oder die Schale der gewucherten Fisch-Knochenkapsel resistenter sind. Somit wären wir bei der vorliegenden Betrachtung an dem Punkt angelangt, an welchem ein Vergleich zwischen dem PASTEL SORPRESA und dem TRICHIURIDEN hergestellt werden könnte. Vorbei die Zeiten von Waldwanderungen zu Hexenpflanzen und Kuchen&Kaffeekränzchen am Familientisch - die Geliebte führt ihren Anbeter ins Fischrestaurant, bestellt HAARSCHWANZ oder SÄBELFISCH für ihn und schaut ihm zu, ob er fündig wird oder nicht. Der Fisch als Richter, das Restaurant-Essen ein Justizakt.

Doch wäre es oberflächlich, leichtsinnig und unverantwortlich bei diesem Aspekt der Betrachtung von Trichiurus lepturus und seinen "Hyperostosen" das Kapitel der Fragestellungen zu beenden. Merkwürdig an den abnormalen Knochenwucherungen ist nämlich, dass sie in vielen Fällen absolut identisch aussehen, was nicht auf ein Tumorwachstum oder ein durch Knochenbruch induziertes Heilungswachstum nach Verletzung an einer Gräte hinweist. Letztere würden zu spontanen Auswüchsen führen die jedesmal anderer Gestalt wären. Die beobachteten, beschriebenen und abgebildeten Knochenkapseln haben jedoch in vielen Fällen eine immer wiederkehrende, gleiche Form, folgen also bei ihrer Entstehung und Wachstum einem (genetisch ?) vorgegebenen Bauplan. Ähnliches kennen wir aus dem Pflanzenreich, beispielsweise bei den Gallwespen, die ein Blatt anstechen in welches sie ein Ei ablegen und eine Tumorwachstum auslösende Substanz injiziieren. Die von der Pflanze gebildete Wucherung, die Galle, bildet einen Schutzpanzer für die Entwicklung des Gallwespen-Eies, das nach Vollendung seiner Entwicklung zum adulten Insekt die Schutzhülle verlässt. Ein ähnliches System machen sich viele Fischparasiten zu Nutze, deren Entwicklungsstadien vorübergehend innerhalb von Zysten stattfinden, die zumeist im Muskelfleisch von Fischen eingebettet sind. Die Frage, ob die Knochenwucherungen der Fischgräten auf Grund der Einwirkung von Fischparasiten entstehen und sich im Inneren der Grätenkapseln Dauerstadien von beispielsweise Nematoden entwickeln wird in der Publikation aus dem Jahre 2012 nicht angesprochen. Ebensowenig nimmt die italienische Forschergruppe Stellung zur Frage, was passiert, wenn ein Fischkonsument versehentlich eine Kapsel verschluckt.

Letztere grundsätzlich nicht wünschenswerte Hypothese wird leider durch Kapselfunde in Trichiurus lepturus in einer Packung gefrorenen Speisefisches, welche am 13.9.2016 in Frankfurt gekauft wurde, neu aufgeworfen und bestärkt. Die aus dem Fisch nach der Zubereitung hervortretenden Kapseln waren in keinem Fall direkt mit einem Grätenstrahl verbunden, hatten sich also entweder aufgrund fortgeschrittener Entwicklung von den Fischknochen abgelöst oder waren in Folge der Hitzeeinwirkung beim Braten von den Gräten abgefallen. Von insgesamt 6 aus ca. 400 Gramm Fischportion gesicherten Kapseln mit relativ gleichförmigem Aussehen unterscheidet sich zudem 1 Kapsel durch auffällige, Verpuppungs-Kokon-ähnliche Form. Eine Kapsel wurde aufgebrochen, um den Innenraum zu untersuchen, die verbliebenen Stücke sind hier im Folgenden fotografisch dokumentiert.      



Aus Trichiurus lepturus nach Braten isolierte Hart-Kapseln unbekannter Genese und Struktur




Aus Trichiurus lepturus nach Braten isolierte Hart-Kapsel unbekannter Genese und Struktur mit auffällig symmetrisch geformtem Kopfteil





Aus Trichiurus lepturus nach Braten isolierte Hart-Kapsel unbekannter Genese und Struktur mit auffällig symmetrisch geformtem Kopfteil, das interessanterweise an einen Helminthen-Kopf erinnert.





Aus Trichiurus lepturus nach Braten isolierte Hart-Kapseln unbekannter Genese und Struktur mit Verpuppungs-Kokon ähnlicher Form




Aus Trichiurus lepturus nach Braten isolierte Hart-Kapseln unbekannter Genese und Struktur mit Verpuppungs-Kokon ähnlicher Form





Aus Trichiurus lepturus nach Braten isolierte Hart-Kapseln unbekannter Genese und Struktur mit Verpuppungs-Kokon ähnlicher Form





Aus Trichiurus lepturus nach Braten isolierte Hart-Kapseln unbekannter Genese und Struktur





Im Fleisch von Trichiurus lepturus nach Braten eingebettete Hart-Kapsel unbekannter Genese und Struktur. Zum Vergleich daneben eine zuvor aus einem anderen Fischportionsstück isolierte und gereinigte Kapsel.



Vom CID Institut wurde eine Recherche zur Herkunft der spezifischen Fischlieferung sowie zur Feststellung der Gesamtimportmenge und -quellen von Trichiuriden nach Deutschland eingeleitet sowie eine Lebensmittelwarnung verfasst.





Nachtrag vom 23. September 2016

Eine Röntgenuntersuchung von 5 verbliebenen Portionsstreifen aus dem am 13.9.2016 in Frankfurt gekauften Tiefkühlpaket der Marke CARIBBEAN PEARLS ergab, daß sich in einem weiteren, bisher nicht zubereiteten Fischstück eine weitere Verkapselung befindet. Damit steigt die Zahl der in der 1 kg-Packung gefundenen Kapseln auf insgesamt 9. Die natürlich Lage der Kapsel ist auf der Ventralseite des Fisches am unteren Körperrand. Eine Verwachsung mit einem Grätenstrahl ist nicht exakt erkennbar. Somit ist weitestgehend ausgeschlossen, dass es sich bei den hier dokumentierten Kapseln um dieselben "hyperostotischen" Bildungen handelt, die im Artikel von Dr. Giarratana et. al in der ACTA ICHTHYOLOGICA ET PISCATORIA (2012) 42 (3): 233–237 ebschrieben werden.


Röntgenaufnahme eines Portionsstückes von Trichurus lepturus mit deutlich erkennbarer Verkapselung am ventralen Körperrand des Fisches.












Anmerkungen zu ECTOPHASIA CRASSIPENNIS, einer wenig bekannten Fliegen-Art aus der Dipteren-Familie TACHINIDAE in der ortsrandnahen Entomofauna Weilmünsters im Spätsommer 2016

Dipl Biol. Peter Ulrich Zanger, CID Institut Weilmünster, 16. September 2016




Ectophasia crassipennis, Frontansicht
Weilmünster, Wiese an der Lorbeerkrone, 18. September 2016



"... Dipteren" ! Dipteren, also Fliegen, sind die Insektengruppe, deren Fehlen in entomologischen Bestandsaufnahmen selten bemängelt oder bedauert wird. Dies liegt wohl zum Einen in der mythologischen Problembehaftung dieser Insektenordnung begründet, deren Vertreter "NUR über 1 Flügelpaar verfügen und deren Hinterflügel zu flugstabilisierenden ´SCHWINGKÖLBCHEN´ reduziert sind", und zum Zweiten in der Tatsache, dass Entomologen, die sich trauen ihr Interesse an Fliegen-Spezies offen zuzugeben schnell mit dem Ruch belastet sind, daß sie sich den Habitaten und Vermehrungsorten annähern, an welchen Fliegen und ihre Kinderstuben zu finden sind.

Der Volksmund hat die Fliegen schwer gestraft bzw. mit dem Ruf belegt, sie seien Gehilfen oder Werkzeug des Teufels, derselbst den Beinamen "Herr der Fliegen" führt. Die Wissenschaftler, welche seit dem Mittelalter auszogen um mit ihren Forschungen die Wurzeln religiöser Mythen zu ergründen und die zumeist wirren und von Schauergemälden begleiteten Phantasiegespinste zu entkräften und auf naturwissenschaftliche Füsse zu stellen, fanden daraufhin nicht selten, dass die untersuchten Fliegenarten gefährliche Krankheitsüberträger, schmerzhaft stechende Lästlinge, Parasiten und extrem hässliche Vertreter der Insektenordnung seien. Diese neuerlichen aber nun naturwissenschaftlich fundierten Schauergemälde standen den religiösen Feindbildern um nichts nach und führten zur allgemeinen Überzeugung, dass man die Herrschaft über die Fliegen wohl doch besser dem Teufel überlassen solle.

Nun "frisst der Teufel in der Not Fliegen" und ist - immer aus Sicht der Fliegen -  somit ein nicht weniger riskanter Partner als die alljährlich "Bacillus thuringiensis"-Granulat über den Altrhein-Armen des Naturschutzgebietes Kühkopf versprühenden Helikopter der hessischen Stechmückenbekämpfungsprogramme, mit welchen die Mückenlarvenpopulation in den stehenden Gewässern dezimiert, wenn nicht gar ausgerottet werden sollen. Und selbst Fliegen zugeneigte Biologen müssen zugeben, dass sie bei der Annäherung von schmerzhaft stechenden Aedes-Moskitos, die Nachtruhe störenden Stubenfliegen oder ätzend aussehenden Sarcophagiden auf dem frisch vom Grill genommenen Barbecue-Steak schon mal die ansonsten kompromisslos praktizierten ethischen Regeln zur Respektierung und Bewahrung von Leben und Unversehrtheit aller Lebewesen  beiseite legen. So bliebe den Fliegen eigentlich kein anderer Weg zur besseren Selbstdarstellung als eine selbstbestimmte "Imageing"-Kampagne oder die Eröffnung eines Facebook-Accounts.

Kinderherzen schlagen sofort höher, wenn sie eine geliebte Maya-Biene, eine liebe Libelle oder einen bunt herumflatternden Schmetterling erblicken. Dies könnte bei Fliegen eigentlich ähnlich sein, denn mit Ausnahme der bereits oben zitierten Sarcophagiden, Stubenfliegen und Stechmücken sind viele wenn nicht sogar die meisten der Dipteren-Arten ausgesprochen schön geformte und gezeichnete Insekten, ausgestattet mit wundersamen Formen und Fähigkeiten, mit überraschenden und beeindruckenden Flugfähigkeiten und mit Lebens und Vermehrungszyklen, die sie zu wertvollen und unverzichtbaren Bestandteilen der Natur und der Bewahrung des natürlichen Gleichgewichtes werden lassen - vorausgesetzt, man überwindet die mythologische Stigmatisierung und erlernt die Kunst der Annäherung an die zumeist sehr kleinen und sehr schnell weiterfliegenden Insekten.

Insbesondere auf dem letzterwähnten Aspekt der Funktion als Nützlinge soll die nun folgende Betrachtung einer Fliegenart aus der Dipteren-Familie der TACHINIDAE (Raupenfliegen) Bezug nehmen, welche in den Monaten August und September als Besucherinnen von weissen Doldenblütlern auf den ortsrandnahen Wiesen von Weilmünster zu beobachten sind.

Die Raupenfliegen Tachinidae zählen zu den ökonomisch wichtigsten Fliegenfamilien, denn die in dieser systematischen Gruppe zusammengefassten Arten sind ausnahmslos Entomophagen, das heißt, ihre Larven ernähren sich von anderen Insekten, zumeist von Schmetterlingslarven. Ihre natürliche Präsenz verhindert die übermäßige Zunahme von Agrarschädlingen wie beispielsweise Kohleule und Frostspanner und trägt somit zur Bewahrung des gesunden, natürlichen Gleichgewichtes und der Vermeidung bzw. Ersparnis des Einsatzes von Schädlingsbekämpfungsmitteln bei. Weltweit sind ca. 8000 Tachiniden-Arten registriert, in Mitteleuropa etwa 500, doch ist die Systematik der Raupenfliegen noch weitgehend unklar und umstritten, so dass exakte Zuordnungen bisweilen schwierig bleiben. Tachiniden-Spezies werden zu Zwecken der biologischen Schädlingsbekämpfung künstlich vermehrt und sind in Regionen mit erhöhtem Vorkommen ihrer Wirtsinsekten schon mit registrierbarem Erfolg freigelassen worden, doch scheint die allgemeine Förderung der Nahrungspflanzen ihrer adulten Stadien, welche oft an sogenannten Ackerunkräutern Nektar aufnehmen, die langfristig erfolgversprechendere Methode zur Garantie stabiler Vorkommen dieser Acker-, Wiesen und Obstbaum-Nützlinge zu sein.

Tachiniden legen ihre Eier zumeist an den Nahrungspflanzen ihrer Wirtsinsekten ab, so dass die Schmetterlingsraupen dann die Fliegeneier beim Blattfrass aufnehmen. Bisweilen erfolgt die Eiablage auch direkt auf dem Zielinsekt (Wanzen, Käfer, Heuschrecken) oder es werden Fliegenlarven nahe oder auf der Schmetterlingsraupe abgelegt, die dann in die Raupe eindringen.  Die Fliegenlarve entwickelt sich im Wirtsinsekt, was den Tod des Wirtes zur Folge hat. Bei Übervermehrungen eines Agrarschädlinges vermehren sich somit parallel auch die Entomophagen, die sich vom Schädling ernähren und bewirken so das baldige Wiedereinpendeln der Schadinsekten-Massenvermehrung auf die gesunde, natürliche Bestandsdichte, vorausgesetzt die Nektarpflanzen der aus den Schädlingslarven schlüpfenden, erwachsenen Fliegen sind ebenfalls vorhanden. Daher ist die Förderung von Ackerrandstreifen mit diversen Wildkräutern, Ackerbrachen mit Ackerunkräutern, Wildwiesen und Waldrandvegetation für die Bewahrung der natürlichen Ökosystemstabilität, die Einsätze von Schädlingsbekämpfungsmitteln unnötig macht, von großer Wichtigkeit.

Ähnlich wie die zweite, wichtigste Entomophagen-Nützlingsgruppe, die Schlupfwespen, sind Tachniden meist sehr klein und daher fast unsichtbar. Zudem reagieren sie sehr scheu auf menschliche Annäherung und verfügen über ausgezeichnet gute und schnelle Flugfähigkeiten, was dazu beiträgt, dass sich bisher nur wenige Spezialisten mit dieser Artengruppe beschäftigt haben und sowohl die detaillierte Kenntnis der Biologie der einzelnen Arten als auch deren systematische Zuordnung noch wenig festgeschrieben sind. Mit Beginn des Aufbaues fotografisch-entomologischer Bilddatenbanken  im Internet ist zudem ein neuer Rahmen für die Biosystematik entstanden, innerhalb dessen eine hohe Formendiversität bei den erstmals nur per Abbildung dargestellten Insektenarten zu beobachten ist, ein Faktum das bei den bisherigen, fast nur schriftlichen und mit wenig  bzw. nur einzelnen, exemplarischen Illustrationen versehenen, taxonomischen Beschreibungen nicht zu berücksichtigen war. So findet man in den Sammlungen der Abbildungen der Tachninde Ectophasia crassipennis fotografisch dargestellte Individuen, die sich in Größe, Zeichnung, Färbung und anderen morphologischen Merkmalen zwar ähneln, aber auch unterscheiden. Somit bliebe desweiteren die Frage zu beantworten, ob die Fliegen-Spezies durch große, morphologische Diversität und Wandelbarkeit ausgestattet ist oder ob es sich bei den mangels detaillierter Bestimmungsliteratur einer Art zugeordneten Fliegen tatsächlich um mehrere unterschiedliche Fliegenarten handelt.

In der Gattung Ectophasia sind bisher 22 Arten wissenschaftlich benannt worden. Derzeit am bekanntesten ist die auch mit einem deutschen Artnamen bezeichnete BREITFLÜGLIGE RAUPENFLIEGE Ectophasia crassipennis, deren Körpermerkmale allerdings als so variabel beschrieben und zudem schwer von Ectophasia-Arten mit ähnlichem Aussehen (z.B.: Ectophasia oblonga) zu unterscheiden sind, daß die 100% sichere Bestimmung alleine anhand fotografischer, im Gelände aufgenommener Bestandsnachweise auf den ersten Blick hin schwierig erscheint.



Die Raupenfliege (Tachinide) Ectophasia crassipennis
in typischer Körperhaltung mit schräg aufwärts nach hinten aufgestellten Flügeln
bei der Nektaraufnahme auf einer Doldenblüte am 15. September 2016


Dabei scheint die auffällige, farbintensive und attraktive Körperzeichnung auf den ersten Blick hin eine Unverwechselbarkeit der beobachteten Fliegenart zu garantieren. Das in Aufsicht betrachtete, fast kreisrunde Abdomen ist leuchtend hellorange gefärbt und entlang der Mittelachse in Längsrichtung von einem mehr oder weniger breiten, schwarzen Farbstreifen durchzogen. Das Abdomen ist seitlich zunehmend zum Rande hin mit kurzen, schwarzen Borsten stark stachelig behaart. Die Flügel erscheinen Pergamentpapier-artig mit pastellfarbener weißlich-gelblich bis dunkelbraun gebänderter Färbung und wenig transparent. der Thorax ist hell-rostrotbraun mit schwach erkennbaren, parallelen Längsbändern und schütter kurz behaart. Die großen Augen sind dunkel-Menninge-rot und die Kopfvorderseite zwischen den Augen gelb bis weißlichgelb. Die Beine sind ebenso wie der Thorax weitgehend hell-rotbraun.






Die Raupenfliege (Tachinide) Ectophasia crassipennis

mit ihren typischen Körpermerkmalen Abdominalzeichnung, Flügelfärbung, Flügelhaltung und Körperfarbe auf einer Doldenblüte am 15. und 18. September 2016







Bei eingehenderem Studium der Art findet man nun Angaben zur Variabilität beispielsweise der Abdominalzeichnung und -Färbung, welche von orange-gelb bis bräunlich und schwarz tendieren kann, so dass das schwarze Längsstreifenmuster nicht mehr erkennbar wäre. Zudem ist durch den beschriebenen Sexualdimorphismus, insbesondere den transparenten und nicht farbgebänderten Flügeln der Weibchen die gleichzeitige Ähnlichkeit derselben zu und Verwechselbarkeit mit der Tachniniden-Species Tachina fera (Igelfliege) begründet, welche allerdings kräftiger ausgebildete Fühler besitzt als Ectophasia crassipennis und deren Abdominalborsten länger bzw. stachliger erscheinen.




Die Raupenfliege (Tachinide) Tachina fera (Igel-Fliege) mit auf den ersten Blick höchst verwechselbarer Ähnlichkeit zu den Weibchen von Ectophasia crassipennisderen Flügel nicht pergamentartig und pastellfarben gebändert erscheinen sondern transparent sind am 9. September 2015 am Weilmünsterer Ortsrand auf Doldenblüte.




Zudem sind bei mehreren der zwischen dem 8. und 15. September auf einer Wiese am nordwestlichen Ortsrande Weilmünsters beobachteten und fotografisch registrierten Exemplaren von Ectophasia auf deren letzten 4 Abdominalsegmenten in den orange gefärbten Oberseiten farblich abgesetzte, schräg nach hinten breiter werdende Flächen zu erkennen, die dunkelorange bis weisslich gefärbt sind.









2 Ectophasia crassipennis Exemplare mit helleren oder dunkleren, schräg zulaufenden Farbteilflächen in der orangegelben Zeichnung der letzten 4 Abdominalsegmente. Beim zweiten, abgebildeten Exemplar entsteht der Eindruck von auf dem Abdomen transportierten, weisslich-gelben Eipaketen.
8. September 2016.



Handelte es sich bei den auf der letzten Abbildung sichtbaren weisslich-gelben Schrägflächen am orangen Abdomenrand tatsächlich um Eier von Ectophasia, dann wäre unter der Voraussetzung, dass Ectophasia-Weibchen transparente Flügel hätten, das abgebildete Tier ein Männchen.

Nun ist von anderen Arthropodenarten bekannt, dass sie zur aktiven Verlagerung von Pigmenten in ihrem Körperinneren in der Lage sind und so in kürzester Zeit ihre Körperfärbung und Farbmusterung verändern können. Diese Anpassungen sind vermutlich auch abhängig von der Körpertemperatur und der UV-Strahlungsintensität sowie dem Lichteinfallswinkel. Berühmtestes Beispiel ist in diesem Zusammenhang die Veränderliche Krabbenspinne, Misumena vatia. Es gibt wenig Anlass, behaupten zu müssen, Dipteren wären nicht in der Lage gewesen, ähnliche Fähigkeiten zu entwickeln. Dies würde allerdings zur Schlussfolgerung führen, daß die Biosystematik, die sich an morphologischen Merkmalen wie Körperfärbung und Farbmusterung orientiert, vor der schwierigen Aufgabe stünde, bereits getroffene Artenzuordnungen zum Beispiel von Schwebfliegen der Gattung Eristalis relativieren und den chamaeleonartigen Farbveränderungsfähigkeiten von Tieren anpassen zu müssen. Eine schwierige und nicht leicht zu bewältigende Aufgabe für die Zukunft.





Ectophasia-Individuum mit abweichender Körperfärbung und Zeichnungsmuster als vorangehend als arttypisch beschrieben.
15. September 2016



Ectophasia crassipennis am 18. September 2016.
Das Farbzeichnungsmuster der Abdomen-Oberseite gibt Anlaß zur Vermutung, dass die Tachinide zur Verlagerung von Farbpigmenten in ihrem Körperinnern fähig ist und somit variable Erscheinungsformen in Bezug auf das Abdomenzeichnungsmuster einnehmen kann.














Auffälligkeiten in der ortsrandnahen Entomofauna Weilmünsters im Sommer 2016

Dipl Biol. Peter Ulrich Zanger, CID Institut Weilmünster, 13. August 2016

"Kein Jahr ist wie das Andere." Das gilt auch für die Insektenwelt. Gerade die Tiergruppe mit dem größten Arten- und Individuenreichtum tendiert je nach Umweltsituation zu spontanen Übervermehrungen einzelner Arten oder Artengruppen, so wie dies aus fast vergangenen Zeiten von den Schadinsekten bekannt war, die urplötzlich in Massen auftraten und in landwirtschaftlichen Kulturen bisweilen sichtbaren Schaden anrichteten, beispielsweise durch Blattfrass von Schmetterlingsraupen und Kartoffelkäfern und dann von den Landwirten, die Einbussen des Ernteertrages befürchteten, mit Pestiziden bekämpft wurden.

Heute weiss man, daß viele Kulturpflanzen einen gewissen Grad von Blattfrass tolerieren, ohne daß es deswegen zu Minderungen des Fruchtertrages der Pflanze kommt. Desweiteren ist bekannt, daß sich einzelne Schadinsektenarten besonders in großflächigen Monokulturen vermehren, weil dort ein künstliches Überangebot von einer einzigen Nahrungspflanze erzeugt wird und gleichzeitig die natürlichen Gegenspieler der Schadinsekten, auch Antagonisten und Nützlinge genannt, durch Pestizideinsatz und Fruchtmonotonie verdrängt und ausgeschaltet werden, so daß es danach erst zu sichtbaren Übervermehrungen von dann anschliessend "Schädlingen" genannten Insekten kommen kann. Die Folge war ein Umdenken in der Landwirtschaft in den Jahrzehnten 1970-1990, die Entwicklung natürlicher, Nützlingsschonender Pflanzenschutzmittel, der Verzicht auf hochgiftige Breitbandpestizide, die Diversifizierung der Anbaumethoden und gezielte Förderprogramme für Nutzinsekten im Rahmen der Naturschutzarbeit. Dies hat zu einem Wiedererstarken der gesunden, natürlichen Entomofauna und zur Rückkehr fast ausgerotteter, seltenerer Insektenarten geführt, die heute wieder stabile Bestände bilden und sich ausbreiten.

Bei manchen Insektenarten ist es nicht ungewöhnlich, daß diese in bestimmten Jahren starke Populationen bilden und dann wieder für mehrere Jahre fast vollständig verschwinden, bzw. unsichtbar bleiben. Dies hängt insbesondere mit dem Entwicklungszyklus der Tiere zusammen und ist am Beispiel des Maikäfers, der nur alle 5-7 Jahre in größerer Individuenzahl erscheint, popular bekannt.

Seit Mai, dem Monat in welchem normalerweise viele Insektenarten in der Natur sichtbar werden und insbesondere beim Besuch von Blüten zur Nahrungsaufnahme beobachtet werden können, ist im Jahr 2016 auf den von CID Institut seit Jahren für entomologische Feldstudien und Insekten-Makrofotografie regelmäßig besuchten Grünlandflächen am Nordwestrande Weilmüsnters ein weitgehendes Fehlen fast aller in den Vorjahren beobachteten Insektenarten festzustellen. Besonders Flächen, die bisher durch Ihren Reichtum an Tagfaltern, Wildbienen und Wespenarten bekannt waren und zu den bevorzugten Fotografierstandorten zählten, sind in diesem Jahr fast vollständig "Insektenfrei". Kein einziger Lycaenidae (Bläulinge) und nur wenige Tagfalterarten wurden registriert, wobei nur die "Generalisten" Kleiner Kohlweissling, Großers Ochsenauge und Wiesenvögelchen zwischen Anfang Mai und Mitte August beobachtet wurden. Wildbienen sind vollständig abwesend, ebenso die in grosser Zahl bisher anwesenden Wespenarten mit Ausnahme der Gallischen Feldwespe, ebenso einem Generalisten der Wespenwelt.

Woran liegt es, daß Schafgarbe und alle anderen weissen Doldenblüten in diesem Jahr fast vollständig ohne Insektenbesuch wachsen ? Möglicherweise spielen die starken Dauer-Niederschläge seit Jahresbeginn eine Rolle, die den diesjährigen Entwicklungszyklus der Insekten beeinflusst haben könnten. Weniger wahrscheinlich ist der Einfluss moderner Insektizide aus der Klasse der Neonicotinoide, die insbesondere für Honig-Bienen hochgiftig sein könnten. Doch wird auf den Untersuchungsflächen kein Pestizideinsatz beobachtet.

Nun braucht sich die Landwirtschaft allerdings noch keine Sorgen zu machen, daß das plötzliche Fehlen der Insekten die Fruchterträge reduzieren könnte. Die Natur pendelt plötzliche Ungleichgewichte Normalwerweise in kürzester zeit wieder auf Normalzustände ein. Doch ist Vorsicht geboten und ein andauerndes biologisches Monitoring der Entomofauna ratsam, damit sich eventuelle Fehlentwicklungen nicht etablieren.

Ganz und vollständig fehlen die Insekten tatsächlich denn auch nicht. Manchmal bedarf es nur des viel näher Herangehens und viel genauer Hinsehens, um sie zu entdecken. So fallen auf den vollständig leer erscheinenden Schafgarbe-Blüten bei nähestem Fokussieren denn winzige, mikroskopisch kleine, schwarz-metallisch glänzende, geflügelte Tierchen auf, die zuerst keiner bekannten Insektenordnung zugeordnet werden können. Die Insekten ähneln winzigen Gallwespchen doch weisen sie nur 1 Flügelpaar auf und das ist das Erkennungsmerkmal der Dipteren (Fliegen). Sucht man in den entomologischen Nachschlagewerken dann nach besonders winzigen, schwarzglänzenden Fliegen mit transparenten, von wenigen Adern durchzogenen Flügeln, die beide einen auffälligen, schwarzen Punkt an der Vorderkante tragen, dann findet man manchmal - denn nicht allen Sammlungen ist diese Familie bekannt - die Schwingfliegen (SEPSIDAE). Diese erhielten ihren Namen wegen des arttypischen, rhythmischen Auf- und Ab-Schwingens ihrer Flügel wenn sie in nervöser Ruhe auf einem Rastplatz verweilen. Vermutlich ist das Flügelschwingen ein Teil des Balzverhaltens dieser Insekten, die in Körperbau und Färbung etwas an Ameisen erinnern, was ihnen den Ruf eintrug, "Ameisen-Mimikry" zu praktizieren. Nun sind sie zwar bisweilen neben einzelnen Ameisen auf den Doldenblüten anzutreffen, doch müßte noch erforscht werden, worin der Vorteil für das Tarnungs-Nachahmen von Ameisen für die Schwingfliegen besteht.

Bemerkenswert ist, daß die Schwingfliegen Mitte August am Weilmünsterer Ortsrand in ausgesprochen grosser Zahl fast schwarmartig auf Dolden-Blüten zusammentreffen, so, als wollten sie durch diese "Machtdemonstration" das Fehlen der anderen Insekten ausgleichen.






Schwingfliege (DIPTERA : SEPSIDAE).
In Europa existieren 9 Gattungen dieser Familie (Archisepsis, Meroplius, Nemopoda, Ortalischema, Orygma, Saltella, Sepsis, Themira, Zuskamira), weltweit sind es etwa 20 Gattungen mit 318 Arten. Die abgebildete Art ähnelt der Gattung Nemopoda
Weilmünster, 13. August 2016




Schwingfliege (DIPTERA : SEPSIDAE) , cf Nemopoda sp.
Weilmünster, 13. August 2016






Schwingfliege (DIPTERA : SEPSIDAE) , cf Nemopoda sp.

Weilmünster, 13. August 2016





Schwingfliege (DIPTERA : SEPSIDAE) , cf Nemopoda sp.

Weilmünster, 13. August 2016

  








Schwingfliege (DIPTERA : SEPSIDAE) , cf Nemopoda sp.

Weilmünster, 13. August 2016












Beschreibung und Illustration des Pollensammel-Mimikrys bei Keilfleckschwebfliegen (DIPTERA : Syrphidae, Gattung Eristalis)

Dipl Biol. Peter Ulrich Zanger, CID Institut Weilmünster, 21. Juli 2016

Ein Stachel schützt, man wird nicht so leicht gefressen, wenn man sich zur Wehr setzen kann. Die allerseits bekannte Verteidigungskraft von Bienen, Wespen und Hummeln hat im „vermenschlichten“ Sinne den Respekt im Tierreich erzeugt, der es diesen staatenbildenden Insekten ermöglicht hat, große Völker mit sozialen Organisationsstrukturen, Arbeitsteilung und eindrucksvollen Bauwerken zu erzeugen und somit zur vielbeachteten Avantgarde der Insektenwelt aufzusteigen. Wer einmal die Erfahrung eines Wespenstiches gemacht hat wird für den Rest seines Lebens die schwarz-gelbe Körperfärbung der zum Stechen befähigten Insekten als Warnsignal in Erinnerung behalten. Den intuitiven Warneffekt dieser Farbkombination macht sich so auch der Mensch zu nutze, indem er beispielsweise seine Warnsignale und Warnschilder farblich entsprechend gestaltet.

Auch unter den Tieren ist das Imitieren der farblichen Körperzeichnung als gefährlich bekannter, stachelbewehrter Insektenarten zum eigenen Schutz weit verbreitet. Viele Insektenarten, die nicht mit Bienen, Wespen und Hummeln verwandt sind und über keinerlei stechende Abwehrmechanismen verfügen, lösen bei potentiellen Prädatoren einen wirkungsvollen Abschreckungseffekt aus, wenn sie farblich ähnlich gezeichnet sind, das heißt insbesondere, wenn ihr Körperende, das sogenannte Abdomen, dasselbe schwarz-gelbe Ringelmuster trägt, wie dies bei Wespen zumeist der Fall ist. Man nennt diese Aussehensähnlichkeit wissenschaftlich Mimikry. Mimikry bezeichnet allerdings jegliche Art von abschreckender Imitation, auch die Reproduktion von Raubvogelaugen auf Schmetterlingsflügeln oder die Wiederholung der Farbmusterung von Giftschlangen auf ungiftigen Reptilien, wie beispielsweise die der tropischen Korallenschlangen.

Eine besonders spezielle Imitation von Honig sammelnden Bienen ist in der Fliegen-Familie der Syrphiden zu beobachten. Die Schwebfliegen (DIPTERA : Syrphidae) sind besonders auffällig und dadurch bekannt, daß sie die Fähigkeit besitzen, wie Hubschrauber im Stillflug ruhig an einem Punkt in der Luft zu verweilen, was ihnen auch den Namen „Schwebfliegen“ zugetragen hat. In dieser Insektenfamilie ist das Wespen-Mimikry weit verbreitet, denn viele Arten sind schwarz-gelb geringelt und halten sich zudem oft in Gesellschaft von Wespen und Bienen an Doldenblüten auf.


Hier betrachten wir näher die Schwebfliegen-Gattung Eristalis (Keilfleckschwebfliegen) die mit ca. 17 Arten in Deutschland vertreten ist. Einige Arten dieser Gattung und zwar Eristalis abusiva, Eristalis arbustorum, Eristalis interrupta, Eristalis lineata und Eristalis tenax tragen deutlich und von weitem sichtbar auf dem Abdomen oberhalb des hinteren Beinpaares einen dreieckigen, leuchtend-gelben Keilfleck. Aus einigem Abstand betrachtet und wenn die Tiere sich in Bewegung befinden sind sie so schwer zu unterscheiden von  Pollen sammelnden Bienen, die die eingesammelten, gelben Blütenstaubkörner an den Pollensammelapparaten ihrer Hinterbeine transportieren und so die berühmten, gelben „Höschen“ (Corbicula) bilden. Die spezielle Farbgebung der Keilfleckschwebfliegen der Gattung Eristalis ist somit eine Pollensammel-Mimikry. Dies ist wohl auch der Grund für die deutsche Benennung von Eristalis tenax als Scheinbienen-Keilfleckschwebfliege.



Blütenpollen transportierende Wildbiene (links) mit gelben "Corbicula" an den Hinterbeinen und Pollenladung farblich durch gelbe Körperzeichnung imitierende Keilfleckschwebfliege Eristalis abusiva.
















Donnerstag, 8. Januar 2015

Entdeckung eines bisher undokumentierten Raubvogel-Verhaltens : Milane verzehren ihre Beute im Flug in großer Höhe
Dipl. Biol. Peter Ulrich Zanger / CID Institut Weilmünster 4. Juli 2016


Recht unterschiedlich ausgeprägt sind Räuber-Beute-Beziehungen bei Raubvögeln. Alle Vögel dieser Artengruppe sehen sehr gut, sowohl spähend, von erhöhten Ansitzwarten aus, oder aber auch in schneller Bewegung aus dem Flug heraus und sind in der Lage, kleinste Beutetiere über große Distanz hinweg zu orten, zu lokalisieren, gezielt anzufliegen und zu fangen. Mit Ausnahme der Geier, die die Nähe des Menschen nicht nur nicht scheuen sondern sogar suchen, denn sie ernähren sich unter anderem auch von anthropogenen Abfällen, so daß man sie oft in großen Gruppen am Boden sitzend an ihren Futterplätzen oder Beutetieren beobachten kann, vermeiden es fast alle anderen Raubvögel, während ihrer Nahrungsaufnahme beobachtet zu werden. Diese fast ausschließlich lebende Beutetiere jagenden Raubvögel landen meist nur kurz und direkt beim sogenannten "Schlagen" ihres Opfers am Boden und tragen das gefangene Tier dann sofort in eine, zumeist erhöht liegende Ruhezone oder in das Nest, wo das Beutetier verzehrt oder an die Jungvögel verfüttert wird. 

In landwirtschaftlich geprägten Gegenden kann zur Zeit der Ernte nach dem Abmähen von Getreidefeldern das Phänomen beobachtet werden, daß sich größer Gruppen von Raubvögeln über den frisch abgemähten Äckern ansammeln um dort die nun ungeschützten und gut sichtbaren Kleinsäugern (Mäusen) zu jagen beginnen. Dazu verweilen sie auch bisweilen gelandet und am Boden wartend in Erwartung der in großer Zahl aktiven Beutetiere, die auf der Suche nach zurückgebliebenen Getreidekörnern an der Erdoberfläche herumlaufen. In Weilmünster-Laubuseschbach wurden so im September 2009 auf abgeernteten Maisäckern nordwestlich der Windkraftanlagen neben Bussarden ein Schwarm Milane bestehend aus 30-40 Vögeln beobachtet, die relativ kleinräumig gemeinsam nach Nahrung suchten. 






Schwarzmilan (Milvus migrans) mit Beutetier (Wühlmaus) beim Abflug vom Fangplatz im Tiefflug
Essershausen - Wiesen am Weiltalradweg / 18. Mai 2015



Vermutlich ist es abhängig von der Größe eines Beutetieres und der Struktur des Beute-Fangplatzes, was der Raubvogel nach dem Ergreifen seiner Beute unternimmt. Kleintiere werden vermutlich sofort verschluckt, größere Tiere sofort weggetragen. Durch den Wegflug entzieht sich der Raubvogel beim Verzehren der Beute der weiteren Beobachtung, insbesondere weil er zur Nahrungsaufnahme sichtgeschützte Plätze aufsucht. 

Wenig bekannt und vermutlich kaum dokumentiert ist die Tatsache, daß Milane nach dem Ergreifen der Beute sich sofort aufwärts schwingen und unter Ausnutzung von Aufwinden kreisend fliegend in große Höhe aufsteigen, wo sie in aller Ruhe und ungestört von anderen attackierenden Vögeln mit dem Verzehr der Nahrung beginnen können. Dieses Verhalten ist fotografisch wenig dokumentiert und gerät erst seit der Existenz von Kameras mit Teleobjektiv-Brennweiten, die Hochdistanzaufnahmen mit Detailabbildungsqualität erlauben, in den Fokus des Interesses von Naturstudierenden. Die Raubvögel halten dabei das Beutetier in den ausgestreckten Krallen und biegen den Kopf nach rückwärts unten unter ihre Brust, wo sie beginnen, mit dem Schnabel die Beute zu zerteilen.



Rotmilan (Milvus milvus) beim stetigen "In die Höhe schrauben" beginnt mit dem Zerlegen seiner Beute im Flug
Weilmünster - Lorbeerkrone / 15. April 2015






Rotmilan (Milvus milvus) beim Beute-Zerlegen im Flug
Weilmünster - Lorbeerkrone / 16. April 2015










Rotmilan (Milvus milvus) beim fliegenden Verzehren einer Ratte
Weilmünster - Lorbeerkrone / 10. Juni 2016






Schwarzmilan (Milvus migrans) beim Auftransport eines großen Beutetieres (Kaninchen) in große Flughöhe
Weilmünster - Ortsmitte / 2. Juli 2016





Das Hochfliegen mit der Beute in den Krallen ist dabei kein durchdachtes Verhaltensmuster des Raubvogels, sondern unterliegt vermutlich einem angeborenem Steuerungsmechanismus, der nach einem bestimmten Signalreiz eine vorbestimmte Verhaltenskette auslöst (AAM). Dies führt dazu, daß nach "Fehlfängen", wenn also die Beute beim Schlagen am Boden entkommen kann und der Vogel nur Umgebungsmaterial (Grasbüschel, Pflanzenreste) in den Krallen abtransportiert, trotzdem das kreisende Steigflugverhalten und des Aufsteigen in große Höhe eingeleitet und durchgeführt wird, ohne daß der Raubvogel währenddessen "checkt", ob die in den Klauen davongetragene Beute auch der persönlichen Erwartung entspricht oder, ob es sich wie im folgenden dokumentierten Fall, nur um einen Büschel trockenes Gras handelt.







Schwarzmilan (Milvus migrans) transportiert nach Fehlfang einen Grasbüschel statt des Beutetieres in große Flughöhe
Weilmünster - Lorbeerkrone / 2. Juli 2016